Redebeitrag auf dem CSD Mühlhausen

27/07/2025

Der Redebeitrag von Martin-Lukas Maciejewski, stellvertretender Landesvorsitzender von LiSL Mitteldeutschland, auf dem CSD in Mühlhausen:

Liebe alle,

„Über sich selbst, über seinen eigenen Körper und Geist ist der Einzelne souveräner Herrscher.“, dieses Zitat stammt von John Stuart Mill, einem der großen liberalen Denker des 19. Jahrhunderts. Es bringt auf den Punkt, worum es uns heute geht: um Selbstbestimmung, um Freiheit, um das Recht, unser Leben so zu führen, wie es für uns richtig ist.

Und genau deshalb sind wir heute hier. Der CSD ist kein unpolitisches Straßenfest, kein bunter Sommerumzug. Er ist eine politische Demonstration. Ein Zeichen dafür, dass queere Menschen sichtbar sind, dass wir Rechte haben und dass wir bereit sind, diese Rechte auch zu verteidigen.

Gerade hier in Mühlhausen, in einer eher ländlich geprägten Region, hat dieser CSD eine ganz besondere Bedeutung. Denn auch wenn wir heute zusammen demonstrieren, wissen wir: Die Realität sieht oft anders aus. Nicht nur, dass die faschistische AfD zur Bundestagswahl im Wahlkreis 189, zu dem auch Mühlhausen gehört, 40,4 % holte, auch im Vorfeld dieser Veranstaltung gab es auf Facebook mehrere Anfeindungen. Teilnehmende und Organisator:innen des CSD Mühlhausen wurden beleidigt und bedroht.

Im Jahr 2024 wurden laut Bundeskriminalamt 1.765 Straftaten aufgrund sexueller Orientierung und 1.152 Straftaten aufgrund geschlechtsbezogener Diversität erfasst ein Anstieg um 17,75 % bzw. 34,89 % im Vergleich zum Vorjahr. Dazu kamen 253 Gewaltdelikte gegen queere Menschen, darunter 232 Körperverletzungen, allein in diesen beiden Kategorien. Insgesamt stieg die Zahl politisch motivierter Gewalttaten 2024 auf 4.107 Fälle, ein Plus von über 15 %. Die Zahl der verletzten Personen stieg sogar um ein Drittel: über 2.300 Menschen wurden durch solche Taten gesundheitlich geschädigt.

Und auch CSDs selbst geraten zunehmend unter Druck. Allein 2024 gab es 27 organisierte Gegenaktionen durch rechte Gruppen. 2025 wurde in Schönebeck ein CSD kurzerhand untersagt, mit der absurden Begründung, er sei nicht politisch genug. In Gelsenkirchen musste der CSD aus Sicherheitsgründen abgesagt werden. Denn der Raum für queere Sichtbarkeit ist nicht selbstverständlich, sondern umkämpft.

Das zeigt: Queerfeindlichkeit ist kein Randphänomen. Sie ist strukturell, sie ist gewaltvoll und sie ist auf dem Vormarsch. Deshalb ist es so wichtig, dass wir heute hier sind. Sichtbar, laut, miteinander solidarisch. Und ganz klar in unserer Botschaft: Wir lassen uns nicht einschüchtern oder wie das diesjährige CSD-Motto sagt: Nie wieder still.

Wenn man sich die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahre anschaut, dann fällt eines besonders auf: Dass immer mehr Menschen alles ganz genau einsortieren wollen. Die Welt wird lauter, aber nicht klarer. Es geht nicht mehr nur darum, eine Haltung zu haben, sondern darum, sie möglichst schnell und möglichst eindeutig einzuordnen. . Alles muss klar sein, zuordenbar, am besten in einer festen Schublade. Ob politisch, kulturell oder sexuell wer heute zu „divers“ erscheint, zu widersprüchlich, der irritiert. Und diese Irritation wird nicht selten zum Angriffspunkt.

Dabei ist das Leben nicht eindeutig. Und der Mensch ist es auch nicht. Wir alle tragen verschiedene Identitäten in uns, sind mehr als nur das eine oder das andere.
Ich bin schwul, ich bin liberal, ich bin Agnostiker, ich bin Existenzialist und vieles mehr.
Aber genau diese Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit wird zunehmend zum Problem für eine Gesellschaft, die nach Eindeutigkeit dürstet. Nach einfachen Antworten: gut oder böse, männlich oder weiblich. Eine Gesellschaft, die keine Zwischentöne mehr zulässt zwischen all dem Schwarz-Weiß-Denken. Dabei ist das Leben oft komplex, ab und an widersprüchlich und manchmal einfach nur absurd.

In diesem Zusammenhang kann man von der „Vereindeutigung der Welt“ sprechen, ein Begriff, der leider ziemlich gut beschreibt, was gerade passiert. Wer zu ambivalent ist, zu vielschichtig, zu schwer einzuordnen, wird schnell als Bedrohung empfunden

Der liberale Philosoph und Ökonom Amartya Sen warnt davor, dass wir Menschen nur noch nach einer einzigen Zugehörigkeit bewerten, sei es Herkunft, Religion oder Sexualität. Als wäre es das eine, was einen Menschen ausmacht. Alles andere wird ausgeblendet.

In dieser Atmosphäre feiern viele den sogenannten Kulturkampf, als gäbe es ein politisches Bedürfnis, der Vielfalt unserer Gesellschaft den Kampf anzusagen.
Gendern, Drag-Lesungen, queere Bildung, all das wird auf einmal nicht als Ausdruck von Freiheit verstanden, sondern als Bedrohung inszeniert.
Die Realität ist aber: Wer von „Kulturkampf“ redet, will selten Vielfalt schützen, sondern sie zurückdrängen.
Aber ich sage: Sichtbarkeit ist kein Angriff. Vielfalt ist kein Risiko. Und Freiheit ist nicht verhandelbar.

Wer von Freiheit redet, darf sie nicht nur für sich beanspruchen. Wer sagt, man müsse aushalten können, dass nicht jeder die gleiche Meinung hat, der muss auch aushalten, dass Menschen anders leben, anders lieben, anders aussehen. Und wer ständig ruft, man dürfe „ja wohl noch sagen dürfen“, der muss auch ertragen, dass man ihm widerspricht.

Ich glaube fest daran: Eine liberale Gesellschaft erkennt man nicht daran, wie laut sie nach Freiheit ruft, sondern daran, wie sehr sie bereit ist, Uneindeutigkeiten auszuhalten. Denn Ambiguität also die Vielfalt von Lebensentwürfen, Perspektiven und Identitäten ist keine Bedrohung, sondern die Grundlage echter Freiheit.

Und wenn wir über die Gefahr sprechen, dass sich die Gesellschaft immer weiter in einfache Bilder zurückzieht, dann kann ich als Liberaler auch nicht über die FDP in Thüringen schweigen.

Ich rede hier ganz bewusst über Thomas Kemmerich und seine aktuelle Linie. Einer Linie, die sich zunehmend anschmiegt an kulturkämpferische Rhetorik, an sprachliche Ausgrenzung und an Organisationen, die unter dem Etikett „Freiheit“ etwas ganz anderes meinen.

Wer sich heute mit Frauke Petry trifft, die eine neue Gruppierung mit dem Namen Team Freiheit ins Leben ruft und das kommentarlos auf Instagram verbreitet, setzt ein Signal.
Und wer Beiträge über nicht-binäre Menschen, wie sie vom Wissenschaftsformat Quarks veröffentlicht werden, mit den Worten „Das ist Quark – bezahlt aus der Zwangsabgabe“ kommentiert, der delegitimiert nicht nur Wissenschaft und Bildung, sondern zieht die Identität von queeren Menschen ins Lächerliche. Und wer in der Gender-Debatte nicht mit Argumenten überzeugt, sondern reflexhaft eine Front gegen gendergerechte Sprache aufmacht, bedient ein gefährliches Muster, nämlich den Versuch, Komplexität durch Spaltung zu ersetzen. Das sind keine Nebensächlichkeiten, es sind Signale einer politischen Ausrichtung, die mit Liberalität nichts mehr zu tun hat.

Dabei ist der liberale Standpunkt ganz einfach!
Wer gendern will, gendert. Wer es nicht tut, lässt es. Sprache ist frei. Punkt.
Doch genau diese Freiheit wird von manchen bewusst zum politischen Feindbild erklärt. Dabei geht es nicht mehr um Sprache, sondern um Macht über andere.
Gerade jene, die behaupten, Gendern würde Sprache politisieren, sind es oft selbst, die Sprache zur Waffe im vermeintlichen Kulturkampf machen.

Und dann helfen auch keine Bekenntnisse zur Liberalität mehr, wenn man gleichzeitig Bilder produziert, die ganz woanders andocken. Denn Freiheit zeigt sich nicht daran, dass man sich mit jedem trifft, sondern daran, wofür man steht. Wer sich liberal nennt, muss auch bereit sein, sich von illiberalen Projekten abzugrenzen gerade dann, wenn sie „Freiheit“ auf ihre Fahnen schreiben und damit in Wahrheit Kontrolle meinen.

Natürlich wäre es schön, wenn wir den heutigen Tag einfach nur feiern könnten. Wenn wir sagen könnten: Wir haben es geschafft. Wir sind sicher. Wir sind angekommen.
Aber das wäre naiv. Die Realität zeigt uns etwas anderes.

Die Gewalt nimmt zu. Die Angriffe nehmen zu. Die politische Sprache wird rauer und es entstehen Allianzen, die gezielt gegen uns arbeiten: gegen queere Menschen, gegen Sichtbarkeit, gegen Vielfalt.

Und ich glaube, es wird nicht besser. Im Gegenteil. Ich glaube, dass wir uns in den nächsten Jahren auf mehr Queerfeindlichkeit einstellen müssen. Auf mehr Druck. Auf mehr Versuche, uns zurückzudrängen in die Unsichtbarkeit, ins Private, ins Schweigen.

Aber genau das dürfen wir nicht zulassen. Wir dürfen nicht leiser werden. Wir dürfen nicht abwarten, bis es wieder „sicher“ ist, sichtbar zu sein. Wir müssen jetzt laut bleiben. Jetzt unbequem sein. Jetzt standhaft bleiben.

Denn der erste CSD war kein Straßenfest. Der erste CSD war ein Riot. Er war Widerstand gegen Gewalt, gegen Diskriminierung, gegen staatlich legitimierte Repression. Und auch heute ist dieser Geist noch nötig. Nicht, weil wir Gewalt wollen, sondern weil wir nicht bereit sind, alles hinzunehmen.

Wir müssen uns darauf einstellen, dass queere Politik in den kommenden Jahren Sisyphosarbeit bleibt. Dass wir viel von dem, was wir erreicht haben, verteidigen müssen. Immer und immer wieder.
Aber um es mit den Worten des Existentialisten Albert Camus zu sagen
„Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

Denn wer kämpft, wer standhält, wer mit anderen solidarisch bleibt, hat trotz aller Anstrengung einen Sinn in dem, was er tut. Und das allein gibt Kraft.
Wir sind nicht allein. Wir sind viele. Wir sind laut. Und wir sind: nie wieder still.